Hitze, Salat-Preis und unsere kleine Chance …

Es ist bisschen heiß und seit vielen Wochen ist kein nennenswerter Regen gefallen. Ich sitze auf der Terrasse, genieße meinen Kaffee und versuche geschmolzene Gedanken in den Laptop tröpfeln zu lassen. Langsam geht das von statten. Tropfen für Tropfen. Schluck für Schluck. In den Folientunneln hatten wir heute um 09:00 Uhr schon die 40°C erreicht. Hitzeschutzverordnung gibt’s hier nicht, also ernten wir brav unsere Paradeiser, Gurken Co. Nach zwei Stunden ist mein Shirt so nass, als wär ich damit in die Donau gehüpft. Wahrscheinlich sollte ich was trinken, am besten was mit Salz. Das war vor ein paar Stunden. Die Ernte ist geschafft; das Mittagessen wurde genossen; die erste Hilfe für den am Feld leidenden Zuckerhut geleistet (Tröpfchenbewässerung für die, die noch leben). Jetzt Siesta, Kaffee, Musik, Sommer genießen. Meine Gedanken driften aber schon ab zu den Hofnachrichten und ich greife zum Laptop. Aber worüber schreibt man an so einem Tag?

Erster Impuls: ich liebe es euer Bauer zu sein, der euch mit Essen versorgt, der für euch schaut, dass die Pflanzen (und wir selbst) die Temperaturen zwischen 30 und 40°C und die Dürre überstehen. Noch mehr liebe ich die Wochen im Jahr, in denen alles einfach schön wächst, weil das Wetter genug Regen, Wärme und Sonne und nicht zu viel von irgendwas bringt. Ich liebe es, mich gut um den Boden zu kümmern und darauf zu achten, dass am Hof die Vielfalt des Lebens gedeiht, dass immer etwas blüht, dass es Schatten gibt, Windbrecher, Essen für allerlei Wesen.

Zweiter Impuls: für viele bin ich wohl gar nicht „euer Bauer“. Manche beziehen von uns Gemüse, Blumen, Pflanzen und das ermöglicht uns wiederum davon zu leben und für andere wertvolle Nahrung bereitzustellen. Die Mehrheit unserer Leser*innen hier aber sind wohl vor allem gedankliche Unterstützer*innen – oder zumindest Menschen, die sich dafür interessieren, was wir machen und schreiben.

Vielleicht müsst ich also schreiben: ich würde es lieben euer Bauer zu sein
(falls ich es noch nicht bin). Ich würde es lieben, für mehr Menschen Verantwortung zu übernehmen, dass sie und unser Boden gesund ernährt werden. Wenn ich so denke, frage ich mich schon manchmal, ob die Sonne nicht etwas zu viel Gehirnzellen verbrannt hat, denn die Zeiten, in der wir gerade leben, sind nicht leicht für unsereins.
Von den vielen Krisen, die uns großteils nur indirekt betreffen, sind manche besonders spürbar: die Betriebskosten steigen massiv und ich schätze wir brauchen heuer drei Mal mehr Wasser von unserer Genossenschaft, als letztes Jahr. Das bedeutet natürlich auch eine dreimal so hohe Wasserrechnung, vielleicht sogar mehr. Aber auch davon wollen wir uns nicht deprimieren lassen. Wir wären keine Bauern, wenn wir nur wegen schlechtem Lohn, harten Arbeitsbedingungen und Wetter-Extremen aufgeben würden. Lieber halten wir die Augen nach Möglichkeiten offen. Zum Beispiel haben wir uns einen Pool schenken lassen. Nicht, um uns nach Arbeitstagen unter glühender Sonne abkühlen zu können – sondern um ihn mit Regenwasser zu befüllen, denn normale Tanks sind zu klein und zu teuer. Unsere bisherigen Wasserspeicher reichen bei einer Dürre wie heuer nicht ansatzweise aus. Der geschenkte Pool lässt uns zusätzlich 24 000 l Wasser speichern – zumindest im Frühling, denn im Sommer regnet es selten genug, um mehr als unsere vorhandenen Zisternen zu füllen.

Unser Problem ist nur teilweise die Hitze und Dürre (auch wenn das sehr herausfordernd ist, haben wir hier durch Bewässern, Mulchen und dergleichen zumindest Handlungsspielraum). Wir sind erfinderisch und hart im Nehmen (und bekommen Leitungswasser, wenn die Speicher erschöpft sind) und sofern nicht ein Hagel alle Tunnel und Kulturen zerstört, ein Buschfeuer die ganze Gegend verheizt oder selbst der Genossenschaft das Wasser ausgeht, können wir wohl irgendwie weitermachen. Weitermachen die Welt zu ernähren. Ja, wir sind sehr klein und die Behauptung „Welt ernähren“ sehr groß. Aber es stimmt: Kleinbäuerinnen wie wir ernähren noch immer etwas mehr als die halbe Weltbevölkerung. Aber fast alle von uns tun das mit immer mehr Schwierigkeiten.

Unser (Rosa und mein) Problem ist vor allem, dass wir manchmal daran zweifeln, gebraucht zu werden. Anders als anderswo, gibt es hierzulande immer gefüllte Supermärkte, die uns die Illusion vermitteln, das Nahrung immer quasi unbegrenzt zur Verfügung steht, egal wie ich meine Konsumentscheidung treffe. Viele sehen wohl noch immer keine Notwendigkeit, Regionalität und Ökologie in ihre Ernährungs-Erwägungen miteinzubeziehen. Das ist verständlich, bedeutet für uns aber eine enorme Herausforderung. Die Anzahl der regelmäßigen Gemüse-Bezieher*innen ist auch heuer noch so überschaubar (=niedrig), dass wir nicht wissen, ob wir in Zukunft davon leben können, oder ob wir eine weitere Investition wagen sollen. Zwar steigen die Zahlen unserer „Follower“ und Newsletter Abonnent*innen, was uns freut und motiviert (und wir wissen, viele wohnen weit weg oder haben einen eigenen Garten, was super ist!), aber das finanziert uns nicht die gestiegenen Benzinkosten für die Lieferung der paar Gemüsekisterln.

Wir versuchen natürlich auch immer wieder neue Wege zu gehen: erst diese Woche haben wir beispielsweise bei einer nahen Gastronomie nachgefragt, ob sie nicht Interesse an unserem Salat hätten, da wir derzeit viel mehr haben. Natürlich spielt der Preis eine Rolle, also haben sie kurz nachgesehen, was sie derzeit für Salat aus Eferding bezahlen: 0,45€ pro Stück.* Damit war das Gespräch (das durchaus freundlich war) leider am Ende, denn ich hab mich nicht mal getraut zu fragen, ob die bessere Qualität, nähere Herkunft und nachhaltigere Anbauweise vielleicht ein Ansporn wäre, 1,45€ mehr pro Salat auszugeben.

Es brachte mich zum Nachdenken: was müsste ich tun, um auch solche Preise anbieten zu können? Wahrscheinlich viel Geld erben, viel Fläche erwerben, viel Förderung (flächengebunden) bekommen, einen neuen Traktor und ein paar Maschinen kaufen, viele Menschen anstellen (und möglichst schlecht bezahlen) … aber selbst dann weiß ich nicht, ob die aktuellen Energie- und Wasserkosten mir erlauben würden, in Preiskonkurrenz zum Großhandel zu gehen. Und natürlich will ich das alles nicht. Lieber verschenke ich meinen Salat, als in für 0,45€ zu verkaufen. Ein so ein Preis fühlt sich an wie eine Beleidigung, zumindest wie die minimalste Wertschätzung. Stehen wir für so einen Preis bei 40°C im Tunnel, ernten bei Sturm und Regen, geben unser bestes Tag für Tag? Noch übler es, wenn man das weiter denkt: wie viel kostet ein marinierter Salat im Restaurant? Wie viel Gewinn ist hier plötzlich möglich? Oder warum kann der Supermarkt 1,20€ drauf schlagen und damit deutlich mehr verdienen als wir am Feld? Wer ist verantwortlich für diese Schieflagen? Und warum geben im Durchschnitt täglich sieben Bäuer*innen in Österreich ihren Beruf auf? Warum sind es in 30 Jahren ca 50% weniger geworden? Wer wird dieses Land in Zukunft ernähren? Und wer wird sich um natürliche Kreisläufe, Artenvielfalt, Bodengesundheit kümmern?
Ayayay, die Hitze draußen macht mir weniger aus, als die Hitze, die in mir aufsteigt, wenn ich über diese Marktmechanismen nachdenke.


Ich beschließe also, das Denken wieder sein zu lassen. Es ist eh genug Text für Hofnachrichten, also widme ich mich wieder meinem Kaffee. Nur noch ein Abschlussgedanke: Unsere einzige Überlebenschance als Gemüse-Kleinbäuer*innen scheint mir derzeit jedenfalls nicht die sogenannte „freie Marktwirtschaft“ (die große Betriebe fördert und kleine unterdrückt), sondern nur die SoLawi, das ist mir einmal mehr klar. Außerdem müssen sich die Rahmenbedingungen ändern, die GAP (Gemeinsame Agrarpolitik Europas) muss aufhören große Betriebe zu bevorteilen (zB. durch Flächengebundene Förderungen und durch das Vorantreiben der neuen Gentechnik und Saatgutpatenten – stattdessen braucht es Arbeitszeit gebundene Förderung, Förderung der Erhaltung und Zucht samenfester Sorten, Vorteile für ökologisch wirtschaftende Betriebe etc. Das würde das „Bauernsterben“ und das Sterben der österreichischen Ernährungssouveränität verhinden.

Verschwitzte Grüße, Tobias

*Nachtrag zum 45ct Salatpreis: Wie ich von einem befreundeten Lebensmittelhändler erfuhr, kann an diesem Preis etwas nicht stimmen. Aktuell wird Salat im Großhandel für etwa 95ct gehandelt. Im Geschäft dieses Freundes wird er derzeit für 1,42€ weiterverkauft. Von 45ct ist das weit entfernt und er kann sich nicht vorstellen, dass so ein Preis irgendwo möglich wäre, daher vermutet er, dass mir der Gastronom entweder eine falsche Auskunft gegeben hat, ein Kommunikations-Missverständnis vorlag oder er sich verrechnet/verschaut hat. Ein Preis von 95ct ist für konventionellen Anbau schon etwas vorstellbarer, aber noch immer so niedrig, dass wir unmöglich damit konkurrieren könnten. Und noch immer verdient der Produzent/Arbeiter wahrscheinlich am wenigsten daran.


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Gärtnerhof Ackerhummel