Helfende Wesen: die Pilze.

Letztes Wochenende habe ich in Wien befreundete Gemüse-Gärtner getroffen. Es beruhigte mich, zu hören, dass auch ihre Betriebe heuer massive Ausfälle beim Frühlingsgemüse hatten. Nicht, weil ich es ihnen nicht besser vergönnt hätte, sondern weil man sich als Gärtner schon fragt: „was habe ich falsch gemacht?“
Bei uns gingen heuer sehr viele Frühlingssätze in die Hose: der erste Pak Choi, die ersten Radieschen, die ersten Mairüben, die ersten Kohlrabi, die ersten Salate … Fast alles blieb, klein, hässlich oder wurde von anderen Lebewesen angeknabbert und unverkäuflich beschädigt. Dass es nicht nur uns so ging, sondern scheinbar fast allen, bestätigt das Gefühl, das wir ohnehin hatten: der Frühling war zu trocken, zu heiß, zu kalt, zu extrem. Frühlingsgemüse mag es aber schön feucht, gleichmäßig, mittelmäßig. Es war wohl einfach ein schwieriger Start für alle. Mittlerweile hat sich die Sache zumindest bei uns geändert. Die letzten Regenschauer haben den Kulturen richtige Schübe gegeben. Die vielen Sonnenstunden tun ihr übriges und wir brauchen gerade nicht mehr bangen, ob wir genug Gemüse für alle haben.

Auch wenn es nicht an unseren Fähigkeiten, sondern vor allem am Wetter gelegen ist, fragen wir uns, was wir besser machen könnten. Immerhin müssen wir damit rechnen, dass es auch in den nächsten Jahren nicht viele einfacher wird, was Wetterextreme betrifft.
Einen möglichen Beitrag könnten Pilze leisten. Nicht als „Gemüse“ im Kisterl (denn dafür müssten wir in ganz neue Infrastruktur investieren, was derzeit nicht drin ist) – sondern als helfende Wesen im Boden.

Mykologen (Pilz-Forschende) haben laufend neue Erkenntnisse über diese spannenden Wesen, die weder Tier noch Pflanze sind; welche die größten und kleinsten bekannten Lebewesen sind; welche vermutlich die ältesten noch existierenden Land-Lebewesen sind; welche vermutlich das Leben am Land erst möglich gemacht haben; welche uns Menschen genetisch näher sind als Pflanzen; welche eine eigene Form von Intelligenz haben, welche wir erst langsam beginnen zu verstehen; welche Fähigkeiten besitzen, von denen das Überleben der Menschheit abhängt. Sie sind die Verbindung zwischen der Sichtbaren und der Unsichtbaren Welt, zwischen Pflanzen und Tieren, zwischen Tod und Wiedergeburt. Ohne sie wäre die Erde kilometer-tief in Biomasse versunken, denn nur sie können alle möglichen chemischen Verbindungen zersetzen und unschädlich machen, seien Pflanzen, Kadaver oder sogar Erdöl, nukleare Verbindungen oder Zigarettenstummel. Die Wissenschaft kratzt erst an der Oberfläche des Wissens, was Pilze alles können. Und auch für uns tun könnten.


In der Landwirtschaft brauchen wir Pilze genauso wie Bakterien. Viele Pflanzen sind ohne Mykhorriza-Pilze unfähig zu überleben. Manche leben nur schlecht als recht und werden schnell krank und in Folge von anderen Lebewesen befallen. Pilze können die Nährstoffversorgung, die Wasserversorgung und das Immunsystem unseres Gemüses maßgeblich beeinflussen. Sie könnten unsere Nahrungsmittelversorgung auch unter Extremwetter-Bedingungen halbwegs absichern.
Die Forschung ist wie gesagt noch in den Kinderschuhen. Was wir jetzt schon wissen: wir kennen einige Pilze, die mutualistische Beziehungen mit Gemüse eingehen und welche wir im Boden oder schon mit den Jungpflanzen kultivieren könnten, sogenannte Arbuskuläre Mykorrhiza (AM), zum Beispiel Claroideoglomus etunicatum, der sich gut für Tomaten, Paprika, Kürbis, Salat, Karotten, Zwiebeln u.v.m. eignet. Diese Pilze können nicht nur unser Gemüse mit Wasser und Nährstoffen versorgen, sondern ihnen sogar Abwehstoffe gegen Schädlinge oder Stärkendes gegen Hitze-Stress verabreichen. Sie dienen auch zur Kommunikation zwischen den Pflanzen: ist eine Pflanze von Läusen befallen, kann diese mittels Mycelium die Pflanzen um sich darüber informieren, so dass diese Abwehrstoffe gegen Läuse ausscheiden. Das Potenzial ist riesig und kaum erforscht. Allerdings sind die benötigten Sporen noch ein erheblicher Kostenfaktor und man muss viel berücksichtigen, damit es nicht umsonst ist: der Boden muss anfangs schön feucht bleiben, damit sich das Mycelium etablieren kann. Tiefe/intensive Bodenbearbeitung zerstört das Mycel. Phosphor-Düngung sollte vermieden werden, da Gemüsepflanzen nur in ein Tauschverhältnis mit Pilzen gehen, wenn sie es nötig haben u.a. Phosphor von ihnen zu erhalten. Auch ein zu hoher pH Wert wäre schlecht für die meisten Pilze. Was sie lieben ist: viel kohlenstoff-haltiges Material, wie Stroh.


Nun, dieses Wissen macht es nicht immer einfacher, denn es steht zum Teil in Widerspruch mit anderen Erkenntnissen des Bio-Landbaus. Beispielsweise brauchen viele Gemüsesorten Kalk um gesund zu wachsen; auf kalkfreien Böden wie unserem sollte dieser alle paar Jahre zugefügt werden, was allerdings den pH Wert erhöht, was den Pilzen schaden könnte. Zu viel Stroh und anderes Mulchmaterial zieht Schnecken an und kann Fäulnisbakterien fördern.
Was das beste für unsere lieben Gemüse-Pflanzen ist, ist also noch immer stark umstritten und wahrscheinlich ist es auch sehr Standort/Boden-Abhängig. Da es keine einfachen Antworten gibt, bleibt uns nur das Experimentieren. Das Experimentieren mit Pilzen ist jedenfalls ein Weg, den wir versuchen wollen, um uns zukünftig gegen Wetterextreme zu wappnen.

Tobias


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Gärtnerhof Ackerhummel