Krisen als Geburtswehen?

Ich bin nicht der einzige in meinem Bekanntenkreis, der immer wieder mal „Medien fastet“. In den Phasen zwischen meinen Fastenzeiten, wenn ich mich der Informationsflut aus der Welt hingebe, fühle ich mich danach oft geschlaucht und deprimiert. Es scheint unübersehbar: wir leben in einem neuen Zeitalter der Krisen. Aber – so sagen manche – war das nicht schon immer so? Sind Krisen, Kriege, Katastrophen nicht mehr oder weniger normal und werden nur von der jeweiligen Generation, die sie gerade erlebt, als besonders groß empfunden?
Eine Antwort, die ich dazu immer wieder lese, lautet: ja, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zu früher: Die Krisen früher waren tragisch, keine Frage, doch die globale Reichweite, Intensität und immer kürzeren Intervalle zwischen den Krisen sind neu. Und folglich auch die Auswirkungen auf „das System“ – seien es die (Macht)Strukturen in der Politik, Wirtschaft, Wissenschaft etc. Das „System“ steht auch für das Narrativ der Welt, warum die Dinge sind, wie sie sind, was wahr und vernünftig ist, ja, sogar was möglich ist und was nicht. Es ist die Geschichte der Welt, an die wir glauben und der wir lauschen, seit wir kleine Kinder sind, sei es Zuhause, in der Schule, im Fernsehen oder im Internet. Die aktuelle Geschichte der Welt von heute bröckelt – manche sagen, so stark wie noch nie zuvor.

Ja, es beunruhigt mich, von all diesen Krisen zu lesen. Aber da ist mehr als Unruhe, ein positiveres Gefühl von Aufgeregtheit, ein Hauch von Hoffnung? Eine positive Vorahnung? Die Witterung einer Chance? Zuerst aber zum unangenehmen Teil. Auch ich erkenne immer öfter, das vermeintliche Wahrheiten, die mir anerzogen wurden, Lügen waren. Ich erinnere mich, als ich als Kind zu 09/11 George W. Bush im Fernsehen sah und wie er den „war on terror“ (Krieg gegen den Terror) ausrief. Zwar wurde ich damals schon mit widersprüchlichen Informationen mitversorgt, aber im Großen und Ganzen glaubte ich ihm: die bösen Terroristen, die einfach so unschuldige Menschen töten, mussten ja aufgehalten werden! Heute ist es vielen Menschen ziemlich klar, dass die USA den Terrorismus, den sie zu bekämpfen vorgaben, für strategische Machtspiele selbst aufgebaut haben. Der Krieg gegen den Terror war ein Krieg für Macht, Geld, Ressourcen. Und ich traue mich pauschal zu behaupten, so ist und war es auch mit anderen Kriegen, die „für Gott“, „für die Menschenrechte“, „für die Demokratie“ gekämpft wurden und werden.
Kriege sind nur ein plakatives Beispiel. Im Endeffekt ist es aber die Geschichte des „Fortschritts“, die immer mehr bröckelt und an die meine Eltern- und Großeltern-Generation stark glaubte: Der Kapitalismus wird uns allen Wohlstand bringen und die armen Nationen müssen nur Industrialisiert werden und fleißig sein, dann können auch sie wohlhabend sein. Wer hart arbeitet, bringt es zu etwas! Die neuen Technologien werden unser leben erleichtern, sodass wir weniger arbeiten müssen. Die Umweltprobleme werden ebenfalls durch Technik und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen bald gelöst werden. In einigen Jahrzehnten werden wir Hunger, Armut, Diktaturen ausgelöscht haben. […] Wie viele junge Menschen glauben heute noch an diese Mythen?

Ja, es ist beunruhigend und unangenehm, wenn Illusionen zerbrechen; wenn man ent-täuscht wird. Aber es ist auch aufregend. Manchmal kitzelt mich nicht nur Neugier sondern fast Vorfreude im Nervensystem, wenn ich weitere Anzeichen des Systemkollapses bemerke. Wenn fossile Energien plötzlich so knapp sind, dass Flüge gestrichen werden, Autofahren zum Luxus wird, Landwirte Mangel an konventionellen Düngemitteln haben etc. „Kommt jetzt der Wendepunkt? Sind wir endlich gezwungen umzukehren? Andere Wege zu gehen, die ein gutes Leben für alle ermöglichen, ohne Mensch und Natur zu zerstören? Kommt jetzt die Zeit? (Oder rasen wir lieber weiter mit Vollgas gegen die Wand?“ Solche oder ähnliche Gedanken kommen ungefiltert hoch. Wäre da nicht der Schatten des Leidens unzähliger Menschen, die – verbunden mit dieser Krise – Kriege, Hunger, Armut erleiden – so würde vielleicht die Hoffnung in Vordergrund treten und sagen: Alles wird gut. In einer endlichen Welt gibt es kein endloses Wachstum. Jene, die uns das weiter glauben lassen möchten, verlieren immer mehr ihre Glaubwürdigkeit. Irgendwann muss es kippen.

Aber wohin kippt es? In den Abgrund? Oder in ein uns noch unbekanntes Land voller Möglichkeiten? Schon jetzt zeigen viele Pionier*innen weltweit, dass wir mit Methoden der Permakultur und kleinstrukturierten regenerativen Bio-Landwirtschaft ohne Probleme die Weltbevölkerung ernähren könnten, ohne unsere Lebensgrundlagen dabei zu zerstören. Es gibt Menschen, die vorzeigen, dass man ökologisch, qualitative Lebensräume bauen kann. Es gibt Menschen, die Wüsten wieder begrünen und die Artenvielfalt wieder zum Blühen bringen. Es gibt Menschen, die in gespaltenen Gesellschaften wieder Frieden stiften. Es gibt Menschen, die haben sich gute alternativen zum aktuellen Wirtschaftssystem überlegt (zB. „Gemeinwohlökonomie“). Es gibt bereits jetzt Menschen, die uns alles mögliche vorleben, was wir tun könnten, wenn wir einen Zusammenbruch der Menschlichen Zivilisation verhindern wollen. Und wir werden noch mehr lernen, wenn wir uns erst auf diesen Weg begeben. Dieser Weg wird uns nicht in den Abgrund führen.

Auch ich verstehe mich als so ein Mensch. Jemand, der nicht für Geld, Macht, Prestige lebt, sondern für Veränderung. Was ist der Kern dieser Veränderung? Für mich ist es die Erkenntnis des „Eins-sein“, Teil eines größeren Ganzen, das zusammenhängt. Es ist die Anti-These zum Narrativ, das mir anerzogen wurde, nämlich dass wir alle strikt getrennte Individuen sind, von der Natur getrennt und ihr überlegen, ja, sie beherrschend. Dass wir alle in Konkurrenz stehen und gegenseitig übertrumpfen müssen. […] Wie kann ich noch länger an all diese Dinge glauben, wenn ich doch sehe, dass mein Leben zutiefst mit meiner Umwelt verwoben ist, dass ich nicht ich bin, ohne den vielen Lebewesen (Bakterien, Pilze, Viren etc) in meinem Körper, die meine Stimmung, mein Verlangen stark beeinflussen … wie auch ich meine Mitmenschen, meinen Boden, die Welt um mich beeinflusse, sei es durch Spiegelhormone, Taten oder anderes. Wie kann ich daran glauben, dass wir die Natur beherrschen können, wenn wir vor einer klimatischen Katastrophe stehen, die alle Welt ratlos macht? Wie kann ich an den Fortschritt glauben, wenn er unsere Böden, unsere Lebensgrundlage ungebremst zerstört? Nein, ich glaube, dass die Welt anders funktioniert, dass mein Handeln kein Tropfen auf dem heißen Stein ist, weil ich als Teil der Welt auch andere Teile der Welt beeinflusse. Ich glaube, das der allgegenwertige Zynismus gefährliches Gift für uns ist. Nur weil wir uns einreden lassen haben, es ginge nicht anders, und dass wir bereits in der besten aller Welten leben (und es anderen auch noch aufzwingen) – haben wir unsere Hoffnung fahren gelassen und aufgehört, das in unserer Macht stehende zu tun, damit es uns besser geht. Die gute Nachricht: wir selbst können uns umentscheiden. Wir können dem Zynismus widersagen, indem wir aufhören weiter so machen wie bisher; weiter kollektiv gegen die Wand zu fahren. Wir können dort hinschauen, wo so viele bereits jetzt an der neuen schöneren Welt werkeln. Wir können uns ihnen anschließen. Nicht mit leeren Worthülsen, sondern mit echten Taten. Nicht Geld oder Macht wird unser Lohn sein, sondern echter Wohlstand, dessen Definition ich von Charles Eisenstein entlehnen möchte: „Die Freiheit und Leichtigkeit großzügig sein zu können.“

Tobias


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Gärtnerhof Ackerhummel