Die Tage haben wir die letzten Mispeln vom Baum genascht. Obwohl wir ihn erst vor zwei Jahren gepflanzt haben, beschenkt er uns bereits mit einigen seiner leckeren Früchte, die unserer Meinung nach wie gewürztes Apfelmus schmecken. Auch die Hagebutten sind noch köstlich und teilen mit uns ihre Vitamine, die wir in dieser Jahreszeit wirklich nötig haben. Unsere Arbeit hat sich in den letzten Wochen zunehmend von draußen nach drinnen verlagert. Mittlerweile haben wir unsere komplexe Anbauplanung abgehakt, eine Saatgut-Inventur durchgeführt, fehlendes Saatgut bestellt, das Jahr reflektiert, sowie für die nächste Saison visioniert. Einige Änderungen haben wir geplant. Zwei davon möchte ich hier kurz ausführen:

„Umstellung“ auf biologische Landwirtschaft
In den letzten Wochen haben wir endlich eine „Umstellung“ auf biologische Landwirtschaft initiiert. Ungeachtet unserer bisherigen Wirtschaftsweise wurde uns leider keine sofortige Umstellung gewährt, weil wir in den letzten Jahren keine Mehrfachflächen-Anträge für Förderungen gestellt haben. Bei unserer kleinen Fläche wäre der Büro-Arbeitsaufwand extrem hoch und der Förderbezug zu niedrig, als das wir Lust darauf gehabt hätten. Die Flächen wurden schon seit den 80ern von meinen Eltern biologisch-organisch bewirtschaftet. Irgendwann wurde ihnen der Bürokratieaufwand im Verhältnis zum Nutzen des Zertifikats zu viel, und sie kündigten den Bio-Vertrag. Da die Erträge der Landwirtschaft ohnehin nur noch für Familie und nähere Bekannte verwendet wurden, war dieser Schritt auch sehr nachvollziehbar, vor allem weil eine Hofübernahme durch mich oder meinen Bruder nicht wirklich in Aussicht stand. Im Nachhinein gesehen, wäre die Aufrechterhaltung des Bio-Status natürlich sinnvoller gewesen.
Der erhöhte Arbeitsaufwand und die entstehenden Zusatzkosten durch die Bio-Bürkokratie und die Erschwernis unser eigenes Saatgut in der Umstellungszeit verwenden zu dürfen, hat auch uns zwei Jahre abgeschreckt, die Umstellung zu wagen. Vor allem Menschen von weiter weg, die den Hof nicht kennen, haben den Wunsch nach einer Zertifizierung durch eine unabhängige Stelle zum Ausdruck gebracht, was wir auch gut nachvollziehen können. Also haben wir uns von Neuem informiert, was wir dafür alles dokumentieren und beachten müssen und eine Erstbesichtigung durch die Kontrollstelle beantragt. Wenn alles gut geht, dürfen wir schon 2026 unsere Jungpflanzen als „Bio“ deklarieren und 2028 unser Gemüse als biologisch vermarkten. An unserer Wirtschaftsweise muss sich zum Glück nichts ändern.

„Freie Entnahme“
Das Feedback auf unsere Fragebögen hat uns ermutigt nächstes Jahr ein Modell der Gemüseverteilung auszuprobieren, das in unseren Augen sowohl aus Verbraucher- als auch Produzierenden-Sicht ideal ist. Voraussetzung wird aber sein, dass es genug Interessent*innen dafür in der kommenden Saison gibt. Die Erfahrung eines anderen Hofes zeigt uns, es bräuchte zumindest 10 Gemüse-Bezieher*innen, damit das Modell gut funktionieren kann.
Wie funktioniert es also?
Angenommen ich möchte mir wöchentlich eine Gemüsemenge abholen, die ungefähr dem Inhalt eines kleinen Kisterls entspricht. Diese Menge haben wir als „Ernteanteil“, kurz EA, definiert. Der Unterschied zum Kisterl ist, ich stelle mir den EA selbst zusammen. (Mehr dazu unten!)
Die Bezahlung funktioniert gleich wie bei den Kisterln: wir geben jedes Jahr einen empfohlenen Durchschnittswert für einen Ernteanteil oder ein Kisterl an. Dieses Jahr war das 24€ pro EA/Woche. Es gilt aber das Solidaritätsprinzip (nähere Infos auf der Homepage), das heißt, ihr könnt weniger bezahlen, wenn ihr finanzielle Schwierigkeiten habt, und mehr zahlen, wenn ihr es euch leisten könnt. Die, die mehr zahlen, ermöglichen es uns, anderen, die wenig haben, einen billigeren Preis anzubieten. Außerdem leistet ihr einen ideologischen Beitrag zu unserer sonst unentgeltlichen Arbeit für Bodenaufbau, Biodiversität, etc.

Um euren EA abzuholen, bringt ihr am besten einen leeren Korb mit und füllt ihn selbst mit eurem Ernteanteil. Wir platzieren die gesamte Ernte, die wir in der jeweiligen Woche für die freie Entnahme kalkuliert haben auf einen Tisch. Und ihr packt ein, was ihr davon braucht. Damit das funktioniert und auch für die letzte Person noch genug da ist, wird es jede Woche eine Liste geben, auf der ein Beispiel-Ernteanteil steht. Das könnte so aussehen:
„KW 44 – für jeden EA ca.
je ein Weißkraut
1 Lauch
500g Karotten (viel)
1 kg Erdäpfel
Rote Rüben (viel)
Endiviensalat (genug)
Spinat (wenig)
Pastinaken (viel)“
Bezahle ich einen ganzen Ernteanteil, so kann ich mir alles so einpacken wie auf der Liste steht. Oder: weil ich keine Pastinaken mag, nehme ich stattdessen mehr Karotten. Salat habe ich selbst im Garten, aber morgen will ich Lauch-Pizza machen, also nehme ich mir einen zweiten Lauch.
Eine andere Person verträgt vielleicht keinen Lauch, ist aber Salat-Tiger und nimmt sich dafür zwei Endivien. Im Idealfall gleicht es sich also aus – dazu braucht es aber genug Menschen, die an der freien Entnahme teilnehmen, sodass sich die Präferenzen gut streuen. Um auf Nummer sicher zu gehen, werden wir von Gemüse, wovon wir gerade reiche Ernten bzw. sogar Überschüsse haben, auch mehr in die Abholstation legen, als pro Ernteanteil kalkuliert ist. Damit ihr das erkennt, schreiben wir bei der Gemüseliste „viel“, „genug“, „wenig“ dazu. „Viel“ bedeutet also, ihr könnt ohne Bedenken mehr nehmen, als auf der Liste steht. „Genug“ bedeutet, es gibt einen kleinen Puffer. „Wenig“ bedeutet, „Es ist ev. nicht genug bzw. nur wenig für alle EA, bitte nehmt also nur, wenn ihr euch besonders über dieses Gemüse freut. Wer darauf verzichten kann, macht den anderen eine Freude und greift besser woanders mehr zu.“ Gemüse, welches wir nicht in großen Mengen haben, welches aber erfahrungsgemäß alle lieben, ist ggf. exakt kalkuliert: „Je ein Weißkraut“ würde also bedeuten, dass für die 10 Abholer*innen wirklich nur 10 Stück vorhanden sind und man nur dann ein zweites nehmen kann, wenn man auf der Abholliste sieht, dass bereits 8 von 10 Leuten abgeholt haben, aber noch drei Stück Kraut vorhanden sind.

Erfahrungsgemäß kann es 2-3 Wochen dauern, bis eine Freie Entnahme reibungslos funktioniert – immerhin ist es ein gemeinsamer Lernprozess. Wir werden die Ernte-Abholung evaluieren und anpassen: wenn beispielsweise jede Woche Salat über bleibt, aber die Karotten aus sind, werden wir in Zukunft weniger Salat reinlegen und dafür mehr Karotten, sofern vorhanden. Abholer*innen ihrerseits müssen lernen, die Mengen grob einzuschätzen, sodass genug auch für die letzten bleibt. Und sie müssen ein Gefühl entwickeln, welche Menge von welchem Gemüse ungefähr gleichwertig mit einem anderen ist, um die Flexibilität zu genießen. Normal hat man das nach 2-3 mal Abholen gut raus. Hat man die Anfangs-Unsicherheit überwunden, ist es erfahrungsgemäß für alle die bevorzugte Art ihr Gemüse zu beziehen. Das wissen wir von anderen Höfen, die mit diesem Modell arbeiten. Glaubt uns, es ist ein wunderschönes Gefühl sich bei einem reich gedeckten Tisch seinen persönlichen Ernteanteil zusammenzustellen, ohne dabei die Geldbörse zücken zu müssen. Das Gemüse steht so definitiv mehr für sich und man sieht den Wert viel mehr, als wenn eine mit Plastik verpackte Ware mit einem Preisschild vor einem steht. Wir hoffen also, dass viele von euch sich trauen, dieses Modell zumindest auszuprobieren, weil wir sicher sind, dass es euch überzeugt. 🙂 Solltet ihr noch Fragen/Zweifel/Verbesserungsvorschläge haben, lasst uns diese gerne wissen und schreibt uns auf office@ackerhummel.at
Freie Entnahme ist nicht nur eine tolle Art seine Lebensmittel zu beziehen: ihr unterstützt auch uns, denn wir sparen uns den Aufwand des Kisterlpacken und können euch dabei mehr Flexibilität anbieten. Es ist unsere Antwort auf die vielen Menschen in den umliegenden Dörfern, die selbst beispielweise Paradeiser und Salat im Garten haben, deswegen kein Kisterl wollen, aber dennoch anderes Gemüse bei uns beziehen würden.
Außerdem könnt ihr durch die Entkoppelung von Gemüse und Preis eurem finanziellen Beitrag mehr ideologisches Gewicht geben. Denn ihr „kauft“ nicht das Gemüse, sondern eurer Beitrag finanziert unsere gesamte Landwirtschaft! Der Kern unserer Landwirtschaft ist die Biodiversität zu fördern und die Gesundheit des Ökosystems zu erhalten, während gleichzeitig die menschliche Lebensgrundlage darauf wächst. Das Gemüse ist ein Geschenk des Bodens, das wir mit euch teilen wollen, weil ihr uns unterstützt. Das macht euch zu „Ernteteiler*innen“. Es gibt auch Menschen, die unsere Arbeit für das Allgemeinwohl so sehr schätzen, dass sie uns finanziell oder tatkräftig unterstützen, ohne eine Gegenleistung in Form von Gemüse zu beziehen. Diese Weitsichtigkeit und Solidarität berüht uns. Es lässt mich an einen schönen Ausspruch von Robin Wall Kimmerer denken: „All Flourishing is mutual“ – frei übersetzt: Alles Erblühen geschieht im Miteinander. Gedeihen beruht auf gegenseitiger Unterstützung. Das gilt nicht nur unter uns Menschen, sondern auch zwischen Menschen und Umwelt.
LG, Tobias
