Der Gärtnerhof Ackerhummel ist für uns eine Art Traum. Eine Vision, die sich manifestieren will. In der Realität ankommend, schwindet das Traumhafte teilweise und entwickelt sich zur gelebten Leidenschaft. Ja, manchmal auch Leiden-schaft, denn die Arbeit ist nicht immer leicht und manchmal zweifelt man, ob die Manifestation des Traumes noch dem ursprünglichen Traum gleicht. Ein Beispiel:
Der Aspekt des Unternehmertums kam im Traum eigentlich nicht vor. Nur: die vage Vorstellung von dem leben zu wollen, was man gern tut und richtig findet. Arbeiten und leben in tiefer Verbundenheit mit der Natur. Die Geschenke der Erde mit anderen Menschen teilen. Auch: Um-Verteilen, auch Menschen zugänglich machen, die sich aufgrund ihrer ökonomischen Situation gezwungen sehen, billige Industrielebensmittel zu kaufen.

Doch schon allein um diesen Traum beginnen zu können, sahen wir uns genötigt „Unternehmer*in“ zu werden: Für eine Versicherung muss man nach österreichischem Recht als pauschalierter Landwirt*in genug Land besitzen/pachten, sodass der zugeschriebene „Einheitswert“ eine Schwelle erreicht, von der man in der Theorie leben kann. Die realitätsferne Bürokratie besagt allerdings, dass diese Fläche viel größer sein muss, als das, was wir in der Praxis bewirtschaften müssen, um mit unserem diversen Betriebskonzept davon leben zu können. Kurz: eine Versicherung bei der SVS zu bekommen war ein monatelanger Kampf, der von uns verlangte: alle Infos zu finden; zusätzliche Flächen zu pachten, deren Bewirtschaftung finanziell eigentlich keinen Vorteil für uns hat; ein detailliertes 27-seitiges Betriebskonzept zu schreiben, in dem wir plausibel darlegen, wie wir wirklich Geld verdienen wollen; Beweisfotos der Aufbaufortschritte schicken; etc. Uns wurde implizit mehrfach unterstellt, wir wollten nur eine „günstige“ Selbst-Versicherung erhaschen und würden in Wirklichkeit keine Landwirtschaft führen. Dank unserem Durchhaltevermögen durften wir uns nach diesem langen Prozesses dennoch endlich „Landwirt*in“ bzw. „Unternehmer*in“ mit einer SVS-Versicherung nennen.
Vom Traum des naturverbundenen Lebens zum Anträge stellen und Dokumentieren. Vom Regenwurm zählen zum Einnahmen/Ausgaben rechnen. Von der Freude über einen schönen Karfiolkopf zum Definieren eines Markt-Preises. Von Körperarbeit und Lebensfreude zu rauchenden Köpfen und Ermüdung. Immer wieder denken wir uns: Ach, könnten wir doch einfach alles verschenken. Es wäre der schönste Beruf der Welt.
Doch selbst unser bescheidenes Leben verlangt nach bezahlten Rechnungen. Auch wir wollen nicht auf Versicherungen, Mobilität und einen kleinen finanziellen Puffer verzichten. Dennoch denken wir oft darüber nach: gibt es keine anderen Wege? Muss alles so sein, wie es ist? Muss jedes Geschenk von Mutter Erde zu einer Ware werden, deren Preis von Angebot und Nachfrage definiert wird? Welchen Wert haben gesunde Böden, artenreiche Natur-Landschaften, frische Luft, sauberes Wasser? Im Kapitalismus: so gut wie keinen, abgesehen von ein paar Fördergeldern, die man als „Besitzer“ bekommen kann. Doch wie kann man überhaupt etwas besitzen, das eigentlich niemandem oder allen gehört? Land, Sonne, Luft, Wasser …
Um die Geschenke der Natur zu einer vermarktbaren Ware zu machen, braucht es Knappheit. Will man Wasser erfolgreich vermarkten, so muss zuerst die breite Verfügbarkeit von qualitativem Trinkwasser zerstört werden. In vielen Ländern der Welt kann man Wasser nur noch in Plastikflaschen kaufen und siehe da: Menschen zahlen Geld, um ihr lebensnotwendiges Wasser zu bekommen. Etwas, das wenige Generationen zuvor unvorstellbar gewesen wäre. Ähnliches passiert mit Land: theoretisch gibt es für alle Menschen der Erde genug fruchtbares Land, um davon leben zu können. Dass jemand Land „besitzen“ könnte, ist für einige wenige Zivilisationen bis heute undenkbar. Den meisten wurde die Einverleibung des Landes in die private Marktwirtschaft während der Kolonialzeit aufgezwungen, was bis heute zu schlimmen Konflikten, Armut und Hunger führt.

Ein liebevolles Geschenk ist prinzipiell wertvoller als eine Ware. Auf Omas gestrickte Socken, die sie viele Stunden liebevoll gestrickt hat, passt man besser auf, als auf billige Wollsocken aus der Industrie. Das selbstgebackene Brot einer Nachbarin genieße ich Scheibe für Scheibe voll Dankbarkeit, während das Brot aus dem Supermarkt auch mal in der Brotdose vertrocknet. Geschenke haben einen Wert, der nicht in Geld ausgedrückt werden kann. Oft sind sie so wertvoll, dass wir eine Bezahlung verweigern, weil es uns das Gefühl gibt, dass Geld nur den Wert des Geschenkes mindern würde oder ihm nicht gerecht werden kann. Wer vom Wald zwei Eimer Heidelbeeren geschenkt bekommt, möchte diese Freude teilen und verschenkt vielleicht einen Teil davon. Wären Heidelbeeren im Supermarkt im Rahmen einer Aktion gratis, würden viele Menschen aber eher um das letzte Sackerl streiten, als deren Inhalt mit anderen zu teilen, auch wenn es zu viel für einen ist. Eine Ware weckt Gier und das Bedürfnis zu horten. Geschenke dagegen motivieren uns dazu, selbst großzügig zu sein.
Heutzutage ist „Land“ ein Spekulationsobjekt. Man kauft es, um es teurer verkaufen zu können, um noch mehr Förderungen zu bekommen oder um eine Effizienz- und Ertragssteigerung im Anbau zu erreichen. Der Boden wird als Geldanlage betrachtet, aus der man kurzzeitige Profite ziehen kann. Logischerweise nehmen nur wenige Landwirt*innen die kaum bezahlten Mühen auf sich, das Land in einem guten Zustand zu halten, so dass es noch viele tausende Generationen ernähren kann. Diese kapitalistische Philosophie hat dazu geführt, dass innerhalb nur weniger Jahrzehnte die meisten fruchtbaren Böden stark an Qualität verloren haben oder unwiederbringlich zerstört und versiegelt wurden.
In anderen Kulturen dagegen, wo Land keine Ware ist, sondern gewürdigte Lebensgrundlage und ein Geschenk der Schöpfung, dort hegen Menschen einen verantwortungsvollen Umgang mit ihm. Sie teilen die Früchte der Erde und sorgen dafür, dass die Ökosysteme gesund bleiben. Zum allgemeinen Wohl.
Das, was wir zum Leben brauchen, ist im Kapitalismus quasi wertlos und die Zerstörung dieser lebensnotwendigen Naturgüter werden als Nebensächlichkeit zum priorisierten Wirtschaftswachstum abgetan. Der Kapitalismus verlangt nach Ressourcenknappheit, um ein Gut zu einer Ware zu machen. Die Natur aber kennt kaum Knappheit, sie ist vor allem geprägt durch überwältigenden Überfluss – zumindest dort, wo sie intakt ist, dort also, wo Menschen dem Überfluss seit Generationen mit Dankbarkeit und Verantwortungsgefühl begegnen, Fürsorge für die Umwelt tragen und so die Geschenke der Natur aufrecht erhalten.
Am Land kennen manche diesen Reichtum noch: sei es eine Wasserquelle, die nicht aufhört zu schenken; seien es die wilden Himbeeren, Brombeeren, Heidelbeeren in den Sommerwäldern, die nie jemand aufessen könnte; sei es die unglaubliche Vielfalt an Heil- und Gewürzkräuter auf einer wilden Wiese; oder das nicht enden wollende Blütenmeer im Frühling; die Zucchini-Schwemme im gut gepflegten Hausgarten; der herbstliche Überfluss einer Streuobstwiese oder einer Wildhecke; das Zuviel an Honig, das Bienen in guten Jahren einlagern, sodass die hütende Imkerin einen Teil davon nehmen kann; …

Wie wird in der Natur dieser Überfluss aufrecht erhalten? Robin Wall Kimmerer, eine Biologin, Angehörige einer indigenen Gemeinschaft und Autorin beantwortet diese Frage mit: Reziprozität (Gegenseitigkeit) und Recycling. Sie nimmt das Beispiel einer Felsenbirne: Sie ist ein wunderbarer Baum, ein Geschenk nicht nur an uns Menschen, sondern für allerlei Organismen. Doch um zu wachsen und zu geben braucht auch sie wiederum gewisse Gaben: Sonne, Wasser, Nährstoffe, … Die Sonne ist die wichtigste Quelle in natürlichen Kreisläufen. Sie schenkt reichlich, ohne zu nehmen. Die Flesenbirne kann durch ihre Gabe der Photosynthese Sonnenstrahlen zu Zucker verwandeln, den sie für ihr eigenes Wachstum braucht. Aber auch sie hat mehr davon als sie braucht. Sie verschenkt ihren Überfluss also an Bodenpilze oder andere Organismen weiter. Die Pilze danken es ihr und versorgen sie im Gegenzug mit ihrem Überfluss: andere Nährstoffen, welche die Felsenbrine dringend braucht, weil sie selbst kaum Zugriff darauf hat. Den benötigten Stickstoff, den sie fürs Wachstum braucht, bekommt sie wiederum aus dem lebenden Humus und von Knöllchenbakterien, die an den Wurzeln anderer Pflanzen sitzen, die ebenfalls gegenseitigen Austausch pflegen. So ist die Felsenbrine mit allem versorgt, was sie braucht um ihrerseits einen Überfluss zu kreieren: ein Blütenmeer,das unzählige Insekten versorgt. Dadurch werden die Blüten ganz Nebenbei bestäubt und so folgt der nächste Überfluss an Früchten.
Hier kommt auch der Mensch ins Spiel, der sich an den Früchten freut, der achtsam erntet und genug für andere Menschen und Vögel lässt. Der Mensch dankt der Felsenbirne und schenkt einen Teil seiner Ernte weiter, weil es zu viel für ihn ist und er anderen eine Freude machen will. Für die Felsenbirne übernimmt er im Gegenzug Verantwortung, schützt sie vor zerstörerischen Absichten anderer Menschen, versorgt sie zusätzlich mit Nährstoffen, schneidet alte unfruchtbare Triebe raus, um sie zu verjüngen und sorgt dafür, dass sie nicht von anderen Bäumen in den Schatten gestellt wird … Auch die Vögel leben in Gegenseitigkeit mit der Felsenbirne: sie feiern ihr Festmahl und hinterlassen Samen überall wohin sie fliegen, wodurch sie die Basis für den Weiterbestand der Felsenbirne legen.
Das ist das Prinzip der Reziprozität, welches Überfluss erzeugt und erhält.

Das Prinzip des Recycling ist schneller erklärt, da wir es in Ansätzen auch aus unserer Wirtschaft kennen, wo beispielsweise aus altem Karton ein Zeitungspapier wird o.Ä. In der Natur passiert Recycling die ganze Zeit: Materie fließt durch Ökosysteme in einer Art Kreislaufwirtschaft und manifestiert sich laufend in verschiedenen Formen. Das Blatt der Felsenbirne, das zu Boden fällt, von Bakterien, Pilzen, Regenwürmern verdaut wird; diese selbst oder deren Ausscheidungen werden wiederum verdaut, werden zu Nahrung für andere Tiere, oder zu Pflanzen, die wir essen; und so weiter. Materie im Lauf der Wiedergeburt. Zumindest wenn der Kreislauf nicht beim Menschen endet, weil dieser, seine Ausscheidungen außerhalb des etablierten Ökosystems in giftigem Klärschlamm deponiert …
Dieses „Wirtschaftssystem“ der Natur, des Schenkens, der Gegenseitigkeit und Wiederverwendung ist faszinierend und eine wichtige Inspirationsquelle für Menschen, die Alternativen zum (selbst)mörderischen Wirtschaftssystem unserer Zeit suchen. Robin Wall Kimmerer fragt zurecht: Warum haben wir die Dominanz eines Wirtschaftssystems zugelassen, das alles zu einer Ware macht? Welches Überfluss mit Knappheit ersetzt? Das Anhäufung propagiert, anstatt Teilen? Wir haben unsere Werte für ein Wirtschaftssystem aufgegeben, welches zerstört, was wir lieben.
Wäre es nicht an der Zeit einen neuen Weg einzuschlagen?

Die Geschenksökonomie kennt ihre Grenzen. Sie funktioniert gut in kleinen eng verbundenen Gemeinschaften, aber nicht in globalen anonymen Märkten. Sie kann aber parallel zum Kapitalismus in den lokalen Gemeinschaften gepflegt werden, und dort wirksam werden, in dem wir unsere Rolle und Verantwortung in der Natur erkennen und wahrnehmen – indem wir für einander da sind und Liebe schenken und darin auch Sinn finden können. Negative Konsequenzen des Kapitalismus können so gemindert werden.
Es gibt auch Menschen, die sich einen Schritt weiter wagen. Ich habe von einem Mann gehört, der angefangen hat, all seinen Überfluss im Garten an seine Nachbar*innen zu verschenken und sie regelmäßig zum gemeinsamen Essen eingeladen hat. Natürlich wurde er auch beschenkt, durch Mithilfe, Gemeinschaft oder anderen Erzeugnissen, dir er selbst nicht hatte. Irgendwann wurde in der Nähe ein Bauernhof zum Verkauf ausgeschrieben, für eine Summe, die sich dieser Mann nie hätte leisten können. Nur aus Interesse war er zu einer Besichtigung dort. Einige Zeit später bekommt er eine Nachricht von einem Nachbarn, dem er regelmäßig Gemüse geschenkt hat: er möchte ihm diesen Bauernhof kaufen und schenken, denn er habe Geld, das er nicht brauche und er möchte diesen Mann unterstützen, sodass er weiterhin die Welt mit seinem guten Gemüse beschenken kann.
Rührende Geschichten wie diese sind ermutigend. Liebevolles Schenken kann am Ende stärker sein, als unsere Prägung von Gier und Egoismus, die uns der Kapitalismus aufzwingt.
Auf (inter)nationalen Ebenen wird es freilich andere Lösungen brauchen. Ein spannender Ansatz ist meiner Meinung nach die Gemeinwohlökonomie, auf die ich aus Platzgründen aber nicht weiter eingehen möchte, die aber interessierten Leser*innen empfohlen sei.

Unser Traum, von einer Ackerhummel, die nicht einfach nur ein „Unternehmen“ ist, lebt jedenfalls weiter.
Zwar trauen wir uns nicht alle Früchte unserer Arbeit zu verschenken, wir sind aber in ein freundschaftliches Netzwerk von Menschen eingebunden, wo viel geschenkt und getauscht wird. Das bereitet uns viel Freude und motiviert uns auch weiterhin Verantwortung für das Land zu übernehmen, das wir bewirtschaften dürfen. Allein in den letzten drei Jahren haben wir fast 10 Tonnen Kompost auf die Gartenflächen ausgebracht und so den Boden neu belebt. Wir arbeiten mit Vielfalt, mit Begrünungen, mit Mulch, … Wir haben Hunderte Stauden, Sträucher und Bäume gesetzt, welche uns und den anderen Wesen hier Heimat, Schutz, Nahrung und Freude bieten werden. Und mit unserer Gemüsevielfalt wollen wir unseren Beitrag zu einer gesunden nachhaltigen Ernährung in der Region leisten.
Mein Traum ist mittlerweile etwas konkreter: ich wünsche mir eine Weiterentwicklung mit den Strukturen einer solidarischen Landwirtschaft. Die „Freie Entnahme“, die wir für 2026 planen, ist ein weiterer Schritt in diese Richtung. Vielleicht können wir uns irgendwann als Verein organisieren und so unsere Arbeit, Verantwortung, Finanzen, Ernte, Verteilung etc. noch gemeinschaftlicher organisieren.
Frohe Weihnachten wünsche ich euch!
Tobias
PS: Wie im Text erwähnt, ist der Inhalt u.a. von Robin Wall Kimmerer inspiriert, deren Bücher ich euch ans Herz legen kann. Vor allem „Die Großzügigkeit der Felsenbirne“ und „Geflochtenes Süßgras: die Weisheit der Pflanzen.“
